
von Katja Wallisch
Wir sind alle gleich. Vor dem Gesetz, in unserem Wert als Mensch. Und doch sind wir alle verschieden. Was sich im äußeren Erscheinungsbild so leicht zeigt, vergessen wir manchmal, wenn es um die inneren Werte geht. Ich denke an einen Comic, bei dem verschiedene Tiere einen Baum erklimmen sollen. So weit so gut. Sehen wir einen Affen, eine Katze und einen Vogel, stellt sich nicht die Frage nach dem ob, sondern der Competition-Anteil der Zeit, die jedes einzelne Tier dafür benötigen wird. Stellen wir daneben ein Nashorn, einen Elefanten und ein Axolotl, sehen wir einen Ausschnitt an Diversität, die unsere Gesellschaft zu bieten hat, wenngleich auch wieder nur äußerlich. Alles Training, jeder gute Hinweis, jeder gut gemeinte Rat von einem Affen oder einer Katze, wird dem Elefanten nicht dazu verhelfen, den Baum zu erklettern.
Mein Team in Tieren
Dieses Bild erinnert mich auch in meinem Team stets an unsere Verschiedenartigkeit. Ich sehe den Elefanten mit seinem ungemeinen Wissensspeicher und dem dicken Fell, wenn es mal brenzlig wird. Ich sehe die Giraffe, die niemals den Überblick über das Große und Ganze verliert. Ich sehe das Axolotl, dass in seiner Regenerationsfähigkeit unübertroffen und einzigartig ist. Doch keiner meiner tierischen Kollegen, als sinnbildliche Tierdarstellung, wird einen Baum erklimmen. Dafür sehe ich in meinem Team andere, die genau das können. Den agilen Kollegen, der an allen Orten zugleich sein kann und vermutlich sogar mit einer Hand am Ast hängend noch zugleich einen Schrank zusammenbauen und sinnvolle Inhalte für das nächste Seminar bereitstellen kann. Er verkörpert für mich das Äffchen. Und dann gibt es da noch die Katze, die mit Eleganz und Geschmeidigkeit an sich nie aus der Fassung zu bringen ist und nur wenn es sein muss einmal die Krallen ausfährt. Und ja, ich bin irgendwie der Vogel in der ganzen Geschichte. Und zwar ein Bunter. Ich behalte gerne den Überblick, verfliege mich gerne mal, habe dafür aber die meisten Impressionen aus der umliegenden Landschaft mitgenommen und schon fast jedem Tier die Kralle oder den Huf geschüttelt.
Was wäre unser Team ohne all diese verschiedenen Anteile, Kompetenzen und Skills? Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit vor allem zwei Dinge: Unglaublich langweilig und deutlich weniger leistungsfähig. Aha! Doch was sagt die Wissenschaft eigentlich dazu?
Wie Gene und Sozialisation unser verborgenes Potenzial formen
Potenziale bezeichnen die in einem Individuum angelegten Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten, die sich aus einem Zusammenspiel von genetischer Disposition und sozialer Prägung ergeben. Während genetische Faktoren die Grundlage individueller Unterschiede in Intelligenz, Temperament und Lernfähigkeit bilden, formt die Sozialisation – also die Einflüsse durch Familie, Bildung und kulturelles Umfeld – deren Ausprägung und Nutzung. Potenzialentfaltung entsteht somit im Zusammenspiel von Anlage und Umwelt, im Sinne des transaktionalen Modells menschlicher Entwicklung.
Warum Vielfalt im Team der Schlüssel zu echter Leistungsstärke ist
Für den gezielten Einsatz von Potenzialen ist es entscheidend, individuelle Unterschiede zu erkennen und wertzuschätzen. Menschen handeln dabei aus unterschiedlichen Motiven, die in der psychologischen Motivforschung als Leistungsmotiv, Machtmotiv und Anschlussmotiv (McClelland, 1985) beschrieben werden und sehr viele detaillierte Sekundärmotive enthalten. Diese bestimmen, welche Ziele eine Person verfolgt und unter welchen Bedingungen sie ihr Potenzial optimal entfalten kann. Ein Team profitiert besonders, wenn diese unterschiedlichen Motive und Fähigkeiten komplementär genutzt werden – etwa, wenn leistungsorientierte, beziehungsstarke und strategisch denkende Mitglieder gemeinsam wirken.
Peroratio
Daraus können wir schließen, dass die Diversität von Teams kein Hindernis ist, sondern die Bedingung für kollektive Leistungsfähigkeit: Erst durch die bewusste Integration verschiedener Potenziale entsteht kreative, resiliente und lernfähige Zusammenarbeit. Diese Potenziale und Motive können in der psychologischen Diagnostik mit verschiedenen Testverfahren erhoben und gemessen werden und einen Hinweis darauf geben, was dem Menschen vor uns wichtig ist, worin seine Stärken liegen und unter welchen Voraussetzungen er diese am besten entfaltet. Und wir dürfen uns selbst fragen, wo unsere persönlichen Werte liegen, was uns wichtig ist und was uns antreibt. Und wenn‘s im Team mal knirscht und ruckelt und wir vielleicht sogar in Konflikt geraten, wagen wir ein Gedankenexperiment und können diese Fragen einmal zirkulär für eines unserer Teammitglieder beantworten. Und uns fragen, welches Tier er gerade ist, wo seine Stärken liegen und welche Aufgabe er gerade versucht zu bestreiten, mit den ihm gegebenen Kompetenzen. Und sollte er ein Elefant sein, der versucht einen Baum zu erklimmen, greifen Sie ihm als Katze, Affe oder Vogel doch einfach mal unter die Arme und schmeißen Sie Ihre Kompetenzen zusammen: Für Ihr gemeinsames Ziel.
Ihre Katja Wallisch
