Systemisch Konsensieren – der bessere Weg zu nachhaltigen Entscheidungen?

von André Helmig und Maike Jacobsen

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Unsere Demokratie basiert auf dem Mehrheitsprinzip, d. h. bei Abstimmungen gewinnt die Option mit den meisten Stimmen. Dies klingt in erster Instanz vollkommen logisch, um Entscheidungen zu treffen und dabei dem Willen der Mehrheit nachzukommen.

Ein anderer Weg der Entscheidungsfindung basiert nicht auf dem Abstimmungsverfahren, das die den Vorschlag mit der größten Zustimmung ermittelt, sondern das das Ausmaß des Widerstands berücksichtigt. Zu jedem Vorschlag geben die Betroffenen ihren Grad des Widerstandes an, sodass schlussendlich der Vorschlag ermittelt wird, der auf die geringste Ablehnung trifft. Dieses Vorgehen wird „Systemisches Konsensieren“ genannt.

Das TZI-Modell

Ziel dieses Ansatzes ist es, eine höhere Partizipation und mehr Nachhaltigkeit in der Entscheidungsfindung zu generieren. Der Fokus liegt auf den Lösungsmöglichkeiten und der Findung einer möglichst konsensnahen Entscheidung.

TZI-Modell nach Ruth Cohn

Wie wichtig Partizipation und Nachhaltig für eine erfolgreiche Gruppenarbeit sind, hat Ruth Cohn mit ihrem Modell der Themenzentrierte Interaktion (TZI) herausgearbeitet. Im Kern müssen die dargestellten vier Faktoren ICH, WIR, ES und GLOBE[1] in Balance sein, damit sich der Erfolg für die Gruppe einstellen kann.

Eine Form die angestrebte Balance herzustellen ist das bereits oben angesprochene Systemische Konsensieren.

Wie wird systemisch konsensiert?

Unabhängig von der zu bearbeitenden Fragestellung gliedert sich der Ablauf des Systemischen Konsensierens in vier Phasen.

1. Entwicklung einer Fragestellung

Eine Gruppe möchte eine Entscheidung treffen, die von allen Beteiligten getragen wird. Es wird eine offene Fragestellung formuliert.

2. Kreativphase: Sammeln von Lösungsvorschlägen

Es werden Lösungsvorschläge gesammelt. Alle Ideen und Wünsche dürfen vorgebracht werden und werden wertfrei nebeneinander aufgelistet. Es sollen möglichst vielseitige Vorschläge eingebracht werden, sodass jeder sich beteiligen kann.

3. Bewertungsphase

In der Bewertungsphase wird jeder Lösungsvorschlag von jedem Gruppenmitglied mit sogenannten Widerstandspunkten (W-Punkten) bewertet. Null Punkte bedeuten hierbei „kein Widerstand“, während zehn Punkte „völlige Ablehnung“ symbolisieren.

4. Auswertung

Die vergebenen Punkte jedes Vorschlages werden anschließend zusammengerechnet. Der Vorschlag mit den wenigsten Punkten stößt laut Bewertung auf den geringsten Widerstand bzw. die geringste Ablehnung und ist damit die Alternative mit dem größten Konsens der Gruppe.

Das Prinzip des Systematischen Konsensierens ist immer dann eine probate Vorgehensweise, wenn für zu treffenden Entscheidungen mehrere Optionen vorliegen. Durch das Prinzip können Konfliktpotenziale gemindert und der Konsens gefördert werden.

Fazit:

Kurz gesagt, findet das Systemische Konsensieren eine für alle Abstimmenden tragbare Lösung. Durch den Blick auf die geringste Ablehnung statt auf die größte Zustimmung können Arbeitsgruppen neben einem stärkeren Konsens auch eine höhere Zufriedenheit der Abstimmenden erreichen.

In meinen Augen kann es allerdings in der Praxis mit steigender Zahl an Abstimmenden zunehmend schwieriger werden, eine ausreichende Anzahl konsensfähiger Entscheidungsalternativen zu entwickeln.

Die vollständigen Beiträge zum Systemischen Konsensieren finden Sie hier, hier und hier.


[1] Die vier Faktoren sind ICH – die einzelne Person als Individuum in einer Gruppe, WIR – das sich entwickelnde Gefüge der Gruppe, ES – der Inhalt oder Aufgabe, der Sachverhalt zu dem die Gruppe agieren soll und GLOBE – das umfassende Umfeld der Gruppe, welches diese bedingt und durch diese beeinflusst wird.